Der Boxeraufstand in Hofgeismar

Rezension zum Katalogband "China 1900" - Der Maler Theodor Rocholl erlebt den Boxeraufstand

 

 

Einige Zeitungsartikel wurden geschrieben, ein paar Bücher sind erschienen, doch sonst haben die Vorgänge in China vor hundert Jahren augenscheinlich kaum zu historischen Rückblicken Anlaß gegeben. Zwar sind die Vorgeschichte des Boxeraufstandes von 1900, der Ablauf des Aufstandes und vor allem seine "Sühne" wichtige Vorgänge in der Geschichte der deutsch-chinesischen Beziehungen, doch zu wenig ist darüber auch allgemein bekannt.

Die äußeren Abläufe sind weitgehend geklärt, die deutschen Greuelschriften zu diesen Gelegenheiten entfalten auch heute ihre eindeutigen Botschaften. Was jedoch - in den Augen des Historikers - noch weitgehend aussteht, ist die Sicherung der Zeugnisse, welche die deutschen Chinakämpfer von damals hinterließen. Noch viele solcher Zeugnisse dürften sich in Privatbesitz befinden: Fotos, Briefe, Tagebuchaufzeichnungen - allesamt möglicherweise mit feinen Nuancierungen der vorherrschenden Bilder und Einsichten.

Das Stadtmuseum Hofgeismar ist nicht hoch genug dafür zu rühmen, daß es aus solchen Privatsammlungen und aus eigenen Chinabeständen eine Ausstellung "China 1900" zusammenstellte, ... Der sorgfältig, nur hier und dort etwas beliebig gestaltete Katalogband gibt einen ersten Einblick in die Ausstellung. Neben Hintergrunddarstellungen, oft als "Historisches Stichwort", erschließt er -und zwar nicht nur als Begleiter durch die Ausstellung- interessante historische Materialien: die "Tagebuch"-Bilder, vor allem Aquarelle und Zeichnungen, des bekannten Historienmalers Theodor Rocholl (1854-1933), der die deutsche China-"Expedition" als künstlerischer Dokumentarist begleitete; Auszüge aus den Tagebüchern des weiteren Teilnehmers Hans-Adalbert von Stockhausen, durch seinen Sohn vorgestellt; auch eine sorgfältige Erkundung über den "geheimnisvollen Tod des Werner Rabe von Pappenheim" durch Helmut Burmeister, den Direktor des Stadtmuseums Hofgeismar. Hinter diesen zentralen Katalogbeiträgen, auch weiteren Einzelheiten, steckt chinabezogene Heimatforschung, wie der Berichterstatter sie sich öfter wünschte, damit der verborgene Reichtum deutscher Chinazeugnisse ans Licht gelange. Insgesamt ist der Katalogband ein kleines Schmuckstück.

Der Katalog gibt sich nicht "kritisch", und die "Einführung" zu ihm weiß das zu begründen. Trotzdem läßt er an manchen Stellen ahnen, was Deutsche damals in China taten: Wie gelangte das Porträt eines chinesischen Kaisers in die Hände eines deutschen Soldaten und trug seither zum Familienstolz bei? An anderen Stellen deutet sich an, wie stark der "Boxeraufstand" die damals überaus negativen deutschen Chinabilder verändern sollte.

Amüsant ist ein kurzer Text über den Kommandeur des deutschen Expeditionskorps, den wegen dessen Gewalttaten geschmähten Feldmarschall Graf Waldersee, der überdies oft als "Weltmarschall" verlästert wurde. Nebenbei erlag der 68jährige, fern der Ehefrau, auch noch den Reizen einer Chinesin. Vielleicht lag es daran, daß ein chinesisches Theaterstück in den 1920er Jahren ihn und die Deutschen auf angenehme Weise darstellte. Verblüfft registrierte der Berichterstatter noch in den 1980er Jahren, daß der Name Waldersee in der VR China einen guten Klang hatte und keineswegs nur mit den deutschen Greueltaten der Jahre 1900/1901 verbunden wurde. Vielleicht hat er jetzt, bei der Lektüre des Katalogs aus Hofgeismar, eine Erklärung dafür gefunden.

Ein Katalog ersetzt nie die Begegnung mit den Originalen, die mehr als eine Abbildung vermitteln. Bestellen kann man ihn beim Stadtmuseum Hofgeismar, ... und Hofgeismar - auch sonst lohnt sich offenbar ein Besuch dort, in der Nähe von Kassel, denn Hofgeismar rühmt sich als "Stadt, die alles hat".

 

(Prof. Dr. Hans Stumpfeldt, Universität Hamburg