Zunft- und Wirtschaftsgeschichte

Dokumente aus dem Handwerkerleben

 

Betrachtet man die vielfältigen Schriftzeugnisse, die sich zu einem einzigen Handwerker in günstigen Fällen zusammentragen lassen, so darf man nicht übersehen, daß diese Vielfalt erst eine Erscheinung des 19. Jahrhunderts ist. Der Wunsch des Staates, alle Einzelheiten zu regeln, führte zu dieser »Papierflut«. Mit Lehrlingsbriefen, Wanderbüchern von Gesellen und Meisterbriefen sollte das Handwerkswesen kontrolliert und reguliert werden. Wanderbücher erfüllten diesen Zweck auf augenfällige Weise. Sie waren nicht nur zur Kontrolle des Lernerfolgs gedacht, sondern dienten auch der Überwachung der Gesellen, die weit herumkommen konnten, im »Ausland« unterwegs waren und möglicherweise durch ihre vielfältigen Kontakte untereinander politische Unruhe erzeugen konnten.

Die Mehrzahl der Handwerker - und das gilt nicht nur für Hofgeismar oder Hessen - lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen. Einige wenige nur konnten ein gewisses Vermögen erarbeiten und zumindest lokales Ansehen gewinnen. Wie wichtig dieses Ansehen und wie groß der Stolz auf die eigene Leistung gewesen sein mag, zeigt das Porträt von Wilhelm Eichenberg, einem erfolgreichen Bäckermeister. Eine im Museum befindliche Photographie in fast identischer Pose könnte die unmittelbare Vorlage zu diesem Gemälde gewesen sein.

Zwei Lehrbriefe in aufwendiger kalligraphischer Ausführung auf Pergament zeigen die starke Diskrepanz, die im Gewerbe herrschte. Briefe wie diese waren teuer in der Ausfertigung. Die Regierungen verboten ihre Anfertigung, da sie von den Zünften dazu missbraucht werden konnten, ärmeren Lehrjungen den Weg in die Zunft zu verbauen - eine von vielen Möglichkeiten, die Konkurrenz unter den »Zunftgenossen« zu beschränken.

Micha Röhring

 

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